Auf Eiersuche

Ostern sind Feiertage. An Feiertagen hat man frei. Die Freizeit verbringt man am liebsten mit Freunden. Oder dem Freund. Doch was, wenn diese weg sind und man den nicht hat? Eine Geschichte über Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und Sehnsucht.

Vier freie Tage liegen vor mir und ich habe niemanden, mit dem ich sie teilen kann. Ich habe keine Lust, meine Eltern zu besuchen, die nerven mich nur mit Fragen zur Uni und anderen Aspekten meiner dämmrigen und ungewissen Zukunft. Ob ich denn jetzt einen Freund gefunden habe, zum Beispiel.

Meine Freunde sind alle in den Ferien mit ihren Liebesten, auf den Seychellen oder in Paris, ich könnte kotzen. Vier Tage Einsamkeit, Bitterkeit und Verdruss ohne Aussicht auf ein gutes Ende.

freitag

Ich wache um 12 Uhr mittags auf, mache Kaffee und Rührei und setze mich auf die Coach vor die Glotze. Es laufen miese Blockbuster und mickrige Osterspecials, aber ich weiss nicht was sonst tun. Ich trage meinen uralten Traineranzug mit unzähligen Flecken, habe fettige Haare und einen aufgeblähten Bauch von den vielen nächtlichen Schokoosterhasen. Mein Handy liegt stumm auf dem Tisch und missbilligt mich. Auf dem Fernsehbildschirm erklärt eine Frau Mitte Fünfzig, wie vielseitig einsetzbar Eierschale im Basteln ist, auf dem nächsten Sender will mir ein junger hübscher Mann weismachen, ich könne in einer Woche zehn Kilo abnehmen, indem ich einen Verdauungstee für 50 Franken die Packung täglich zu mir nehme. Ich entscheide mich dafür, den ganzen Tag bewegungslos so auszuharren und stopfe mir zur Feier dieses Entschlusses eine Hand voll Schokoeier in den Mund. Dann klingelt es an der Tür. Kläglich wie ein angefahrenes Tier stehe ich auf und öffne. Es ist die Nachbarin aus dem 2.Stock die mindestens genauso alleine ist wie ich und oft aus purer Verzweiflung bei mir klingelt, um mit jemandem zu reden. Sie sagt dabei immer mehr oder weniger das Gleiche. Zuerst regt sie sich über andere Mieter auf, weil sie Dreck machen oder zu laut sind und dann führt sie diese Unzulänglichkeiten auf deren Ethnie zurück. Ich bin mir sicher, dass sie mich eigentlich gar nicht mag, ich bin neben ihr einfach die einzige Schweizerin im Haus. Tatsächlich beschwert sie sich über Herrn Abdul, der einen Stock über ihr wohnt. Er habe heute morgen Wäsche gemacht, dabei sei das laut Hausverwaltung an den Feiertagen gar nicht erlaubt. Man müsse sich anpassen hier, nur weil man Muslim sei, könne man den Christen durch solche Aktionen doch die Ostern nicht versauen. Sie redet sich in Rage, wobei ich nichts anderes tue als auf den Boden zu schauen und den Wortschwall über mich ergehen zu lassen. Nach einer Viertelstunde bin ich sie los und lege mich zurück in mein Nest. Ich stehe nur auf, um auf die Toilette zu gehen oder meinen kahlen Kühlschrank aus purer Langeweile nach etwas Essbarem zu durchsuchen. Um neun Uhr schlafe ich mit trübseligen Gedanken ein und wünsche mir einen warmen Körper an der Seite.

Samstag

Die Sonne weckt mich frühmorgens, da ich vergessen habe, die Rollläden zu schliessen. Um wieder einschlafen zu können schalte ich auf dem Laptop eine Episode von Philip Maloney ein, das hat schon funktioniert als ich ein Kind war. Dieses Mal glückt es nicht und ich stehe nach drei weiteren Geschichten schliesslich auf. Der Anblick der Coach und des Fernsehers deprimiert mich, ich fasse den Plan, heute produktiver zu sein und schlüpfe in meine Rennschuhe. Es regnet ein bisschen, aber das kann mich nicht stoppen, denn ich renne mir die Seele aus dem Leib. Nach drei Minuten bekomme ich Seitenstechen und bleibe keuchend im Regen stehen. Drei Typen mustern mich im Vorbeigehen abschätzig und murmeln etwas. Ich versuche es erneut, renne in gemässigterem Tempo los und gebe schliesslich auf.

Zurück zuhause bin ich klitschnass und mein Kopf hat die Farbe einer ausgereiften Tomate angenommen. Ich stelle mich unter die Dusche, bis mein Puls wieder normal geht, schlüpfe in den Bademantel und lege mich auf das Sofa. Mein Handy klingelt. Es ist Carla, eine Mitstudentin die ich nicht leiden kann. Da ich mich einsam fühle und gern mit jemandem reden möchte, gehe ich ran. „Hey wie geht’s? Geniesst du die Feiertage?“, kreischt sie ins Telefon mit ihrer affektierten Stimme. Ich bejahe und lausche einem Vortrag über Parties, Typen und anderen Dingen, die mich nicht im Geringsten interessieren. Sie fragt, ob ich heute Abend mit ihr weggehe und zu meinem eigenen Erstaunen willige ich ein. Parties sind eigentlich überhaupt nicht mein Ding, Carla ebenso wenig aber die Aussicht auf einen weiteren Tag allein treibt mich zu aussergewöhnlichen Entscheidungen. Ich brezle mich also auf, das heisst ich ziehe mir saubere Sachen an und bürste mir die Haare.

Um elf treffe ich Carla vor dem Club, sie trägt geschätze zehn Schichten Make-up und rote Highheels. Als sie mich sieht, kreischt sie in typischer Manier und versucht, auf mich zu zu rennen, wobei sie mit dem linken Fuss umknickt und fast der Länge nach hinfällt. „Oh mein Gott, war das peinlich!“ Sie lacht und umarmt mich. Ich versuche, auch zu lachen und mich ehrlich zu freuen, hier zu sein, was mir nicht gelingt. Viel eher führt das eben geschilderte Szenario zu einer geringen Ausschüttung an Glückshormonen in meinem Organismus. Sie hat zwei Typen im Schlepptau die mich neugierig abchecken und die sie mir als Mike und Lukas vorstellt. Ich versinke gerade in einen schmutzigen Tagtraum mit mir und den Beiden auf meiner Coach, als sie mich am Arm packt und in den Club hineinzieht. Die beiden Männer folgen uns wie dressierte Hunde. Drin ist es stickig und voll, es läuft typischer Zürich Deep House und auch ansonsten unterscheidet sich die Landschaft hier in keiner Weise von einem beliebigen anderen Club. Ich bestelle mir ein Bier an der Bar um lockerer und optimistischer zu werden und tanze ein wenig. Carla schüttet mir ungefragt was ins Getränk, ich zucke innerlich die Schultern und nehme einen kräftigen Schluck. Mike und Lukas haben uns umkreist, letzterer schlingt von hinten die Arme um meine Schultern und reibt seine Genitalien an meinem Hintern, was ich dankend zur Kenntnis nehme. Meine steifen Beine werden bald warm, wie auch der Rest vom Körper und ich tanze ausgelassen. Lukas zieht mich näher zu sich und fragt, ob wir eine Zigarette rauchen. Wir verschwinden im Fumoir und setzen uns auf ein fleckiges Sofa in der hintersten Ecke. Ich erfahre, dass Lukas 23 Jahre alt ist, Maschinenbau an der ETH studiert und gern Sport macht. Ich lüge, dass ich täglich joggen gehe und auch sonst ein überaus interessanter und aktiver Mensch bin. Lukas hört mir sowieso nicht mehr zu sondern streicht mir mit seinen Fingerspitzen über die Beine. Er fragt, ob wir zu mir sollen, ich überlege kurz und willige dann ein.

Sonntag

Es ist sechs Uhr in der früh, Lukas und ich wanken in meine Wohnung und fallen sofort übereinander her. Er ist ein wenig grob und ungeschickt, aber ich bin trotzdem froh, dass er da ist. Wir legen uns in mein Bett und küssen uns noch ein wenig, als ich plötzlich merke, dass seine Bewegungen zaghafter werden. Als ich die Augen öffne und ihn anschaue, liegt er unbeweglich neben mir, Mund offen, und schnarcht. Ich rüttle ihn ein paar Mal kräftig und sage seinen Namen, aber es ist nichts zu machen. Lukas schläft. Ich kann es nicht fassen, fluche leise vor mich hin, weine und raufe mir die Haare. Dann putze ich mir die Zähne und versuche, herunterzukommen. Im Bett schalte ich Philip Maloney ein und versinke schliesslich in einen wilden Traum.

Ich träume, dass ich mich auf die Suche mache nach einem Mann mit Schokoeiern. Doch jeder, dem ich die Hosen runterziehe hat einen normalen Hoden und lacht mich verächtlich aus. Ich verzweifle immer mehr, dass Lachen der Männer wird immer lauter und als ich dem letzten die Hosen runterziehen will, wache ich auf. Lukas sitzt auf der Bettkante und zieht sich an. „Guten morgen. Lust auf ein Osterfrühstück?“, meine ich und grinse. Er macht unbeirrt weiter, streicht sich die langen Haare aus dem Gesicht und sagt „Nee du, ich muss los. Hab eh eine Freundin.“ Dann zieht er von Dannen und zieht die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu. Ich zucke zusammen.

Den restlichen Tag verbringe ich im Bett liegend und Philip Maloney hörend. Mir ist zum heulen zumute, ich habe Kopfschmerzen und schwitze, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen. Plötzlich vermisse ich sogar meine Eltern, wäre am liebsten bei ihnen auf dem Land und würde mich von ihnen verwöhnen lassen.

Montag

Nur noch dieser Tag und die Misere hat ein Ende. Ich habe mit meinen Eltern telefoniert und beschlossen, sie heute zu besuchen.

Zwei Stunden weg lege ich zurück, im Zug schlafe ich ein und verpasse fast die Station. Meine Eltern erwarten mich am Bahnhof, samt Hund und strahlendem Gesicht. Sie umarmen mich, meine Mutter findet, ich sei zu dünn und mein Vater beschwichtigt sie mit den Worten: „Hör doch auf Christine, sie hat nur den Babyspeck verloren.“ Wir fahren mit dem Wagen meines Vaters ins Dorfinnere und winken den Bewohnern zu, die wir fast ausnahmslos kennen. Wir passieren meine alte Schule, die Häuser meiner ehemaligen Schulfreunde und den Dorfladen. Überall stehen Osterdekos rum, die Sonne scheint, es liegt eine kleine, überschaubare Idylle vor mir. Zuhause setzen wir uns auf die Terrasse und essen selbstgebackenen Osterkuchen meiner Mutter. Meine Eltern fragen mich nach meinem Leben in Zürich. Ob alles gut läuft, ob ich fleissig studiere, genug Geld habe zum Leben. Ich bejahe alles und hoffe, dass sie mich nicht auch noch nach meinem Liebesleben fragen.

Ich fühle mich wieder wie ein Kind, meine Mutter verhätschelt mich, kocht mir Tee, streicht mir durch die Haare und mein Vater erzählt Geschichten von Sachen, die er seit meinem Auszug erlebt hat. Wir sitzen stundenlang auf dem Balkon und reden, schweigen, lachen. Als es langsam dämmert, muss ich mich verabschieden. Morgen geht es weiter, muss ich mich aus meinem Bett herauskämpfen und Leistung absolvieren. Wenigstens denke ich dann nicht so viel nach, zum Beispiel darüber, wie gerne ich einen guten Menschen neben mir liegen hätte. Meine Eltern fahren mich zurück zum Bahnhof, küssen und umarmen mich zum Abschied, meine Mutter fängt an zu weinen. „Pass auf dich auf, hörst du? Du packst das alles!“ Ich nicke und winke den beiden zu, dann mache ich mich auf den Weg zurück. In den Alltag.

  • Rudi Rudi 23.4.2014 23.33 Uhr

    So geht das!

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