Auf der Suche nach dem Täter

Dominic Deville kennt man als ausgeklügelten Kabarettisten und Tausendsassa. Seit neustem moderiert er Live Krimi Hörspiele. Mit seiner Bande aus Schauspielern und Komikern erschafft Deville als Regisseur grosses Kopfkino für aufmerksame Ohrenzeugen auf der Suche nach dem Schauer der Mystik.

Der Unterhaltungskünstler Dominic Deville macht das, was er am besten kann: Reden. Er ist neu auf den Kabarettbühnen der Schweiz und erzählt fasziniert, von schwarzem Humor durchzogene Geschichten, die wir alle schon mal erlebt haben, oder zumindest erlebt haben könnten.

Wenn man "Live Krimi Hörspiel Show" liest, klingt das schon ziemlich vielversprechend. Es wäre nicht falsch anzunehmen, es handle sich um eine einfache Lesung eines oder mehrerer Krimis. Im Falle von "SUSPEKT" liegt man mit dieser Annahme völlig falsch.

Suspekte Darsteller

"SUSPEKT" das sind: Simone Kern, ausgebildete Schauspielerin, die mit Berenice Recordings ein Label für schwierige und unverständliche Post-irgendwas-Musik betreibt. Der Schauspieler Dominique Müller, dem man eine gewisse Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Seymour Hoffmann nachsagen könnte, wird von Deville wegen seiner pfundigen Erscheinung gerne auf die Schippe genommen. Autor und Regisseur Patrick Karpiczenko, der mit "Warum sich Kurt in den Schrank sperrt und nicht mehr raus will" den Film mit dem zweitlängsten Titel der Schweizer Filmgeschichte geschaffen hat. Und schliesslich als Moderator, Regie- und (un)geistlicher Führer der Bande Dominic Deville. Der diplomierte Kindergärtner, der Punk-Rocker, der durchtriebene Entertainer.

Simone Kern, Boni Koller, Dominique Müller (v.l.n.r.)

Auf der Bühne des Exils sitzen nebeneinander also Darsteller, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie werden zwei Krimis vorlesen. Mitten unter ihnen ist Boni Koller (Schtärneföifi/ Baby Jail), der mit Lieder wie "Ohni Znacht is Bett" in den 90er für Ohrenwürmer sorgte. Er wurde als Kronzeugen geladen, das heisst eigentlich war Beat Schlatter vorgesehen, doch der ist momentan nicht wirklich bühnentauglich. Deville widmete ihm voller Mitgefühl auch versöhnlich eine vorzüglich inszenierte Schlägerei. Der erste Krimi wurde von Deville selbst geschrieben. Er kommt nicht umher immer wieder zu erwähnen, was für ein Meisterwerk sein Stück ist. Selbstironisch natürlich.

Unterhalter Dominic Deville

Als wäre man mitten in einer Tatort-Sendung, beginnt die Show unter Spannung erzeugender Krimi-Musik. Die Bühne verdunkelt, die Rückenhaare sträuben sich. Eine unkonventionelle Familie, deren Selbsthass unverkennbar jedem Mitglied ins Gesicht geschrieben steht, versucht mit verkehrter Logik in einer Geisterbeschwörung den Tod des verachteten Vaters aufzuklären. Es scheint von vornherein klar, es war ein interner Auftrag. Der Jüngste spricht ein Manifest, ruft die Geister. Der Vater meldet sich aus dem Jenseits, doch wählte er als Sprachmedium sein Lieblingsinstrument, die Posaune. Verstehen kann und will ihn nur einer, sein Jüngster. Die Zuschauer wurden vor dem Spiel ermahnt aufmerksam zuzuhören, schliesslich müssen sie herausfinden wer den Vater auf dem Gewissen hatte.

Patrick Karpiczenko

Klangcollagen bestehend aus Texten, Schreie, Gewimmel, Klagen und düsteren Gedanken erfüllen den Raum und drohen ein dunkles Geheimnis zu offenbaren. Die erste Geschichte ist durch und das Raten hat ein Ende. Ein Zuschauer lüftet das Geheimnis: Der Mörder ist der geschiedene Sohn, die Heulsuse in der Familie. Er brachte seinen ohnehin schon verhassten Vater aus Geldsorgen um. Verraten hat er sich, weil er als Einziger wusste, dass der Vater vergiftet wurde.

Skurrile Geschichten

Die zweite Geschichte ist nicht weniger skurril. Über zwanzig Personen kommen darin vor, auf nur fünf Sprecher. Geschrieben wurde sie von SRF Drehbuchautorin Natascha Beller. Sie beginnt mit dem ungeklärten Tod einer alten Grossmutter in Zürich. Zwei Polizisten lesen ein kurioses Untersuchungsprotokoll vor. Eine Fahndung jenseits aller Konventionen wird vorgetragen.

Kinderliedautor Boni Koller als Special Guest in der Mitte.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich dieses Bühnenkollektiv für ein Krimi-Hörspiel ins Exil gesellt. Das erste Mal fand bereits im Januar statt und blieb nicht ohne Echo. Mit einfachsten Mitteln erschafft das Kollektiv wilde Verfolgungsjagden, inszeniert Albträume, spricht bizarre Geständnisse oder konfuse Monologe. Devilles bestes Attribut ist das Katz-und-Maus-Spiel mit der Erwartungshaltung des Publikums. Auch Karpiczenko vermag seine Lausbuben-Attitüde, der aufgeschlossene Frauen verfallen zu sein scheinen, gekonnt zu seinem Gunsten einzusetzen. Müller überzeugt als erpichter Sprecher, dessen Stimme sich für Nichts zu schade ist. Auch wenn Simone Kern zunächst von der Testosteron-Vorherrschaft auf der Bühne fast unterzugehen scheint, jongliert sie lässig zwischen den verschiedenen Identitäten und schafft es gekonnt im richtigen Augenblick die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Das haarsträubende Schauergefühl blieb am Ende des Abend vielleicht ein bisschen aus, aber der Unterhaltungswert war hoch und in seinem Potential voll ausgeschöpft. Schliesslich ist das Spannendste bei einem Krimi nicht die Auflösung, sondern die Geschichte dahinter.

Ab nächster Woche sollte im SUSPEKT-Podcast die ganze Show zu hören sein.

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