Am Hof der Königin Shaba

Früher war es ein äthiopisches Restaurant. Heute serviert das Shaba variierte Thai-Gerichte mit einer Prise afrikanischem Temperament.

Als Lily das Restaurant Shaba vor mehr als einer Dekade eröffnete, wollte sie typische Gerichte aus ihrer Heimat zum Limmatplatz bringen. Sie grub ein kleines Loch aus, mitten in den Schatten des Rotlichtmilieus Zürichs, pflanzte Palmen, liess Wasserfälle erquellen und schuf sich an der Fierzgasse ihre eigene kleine Oase. Wenn man das Shaba betritt, dann umgibt einem gleich dieser verzaubernde Tausend-und-eine-Nacht-Märchenstaub. Man fühlt sich, als verliesse man tatsächlich die dreckige Stadt und beträte den Hof einer mächtigen und schönen Königin. Die Tatsache, dass man bei einigen Tischen die Schuhe ausziehen muss, bekräftigt dieses Gefühl.

Mit der Hand zum Mund

Seit die Römer das in unseren Breitengraden eingeführt haben, essen wir zu Tisch mit Gabel und Messer. Die Asiaten benützen dazu lieber Essstäbchen. Das älteste Werkzeug überhaupt, um Speisen vom Teller zum Mund zu führen, sind jedoch die Hände. Und diese braucht man ganz besonders in Äthiopien, wo man bei einem typischen Festtagsessen gemeinsam im Kreis sitzend, auf einem einzigen grossen Teller Sauerteigfladen "Injera" mit verschiedensten Fleisch- und Gemüsesaucen "Wot" speist.

Injera mit Gemüsesaucen. Bild Essensblog: Work it, Berk

Geplatze Vorfreude

Ich sitze. Die Neugier ist gross, der Speichel läuft mir vor Vorfreude schon im Munde zusammen. Wie lange ist das wohl her, seit ich das letzte Mal genüsslich in eine, mit Gemüse gefüllten Injera, gebissen habe? Viel zu lange! Als Sami, der wohl aufmerksamste Kellner im Kreis 5, mir die Speisekarte reicht, bin ich verwirrt. Da stehen lauter asiatische Gerichte drin. Roter und grüner Curry. Poulet Satay, Tika Masala und gebratene Nudeln. Wie jetzt, kein Fladenbrot? Ich blättere weiter und finde nichts, was sich auf Alicha Wot, Kitfo oder Ayib reimen würde.

Königin Lily. Voller Hingabe und Gastfreundschaft.

"Was ist passiert?", frage ich Lily, die immer ganz in der Nähe ihrer Kunden ist. "Wo ist das äthiopische Essen hin?", natürlich weiss ich, dass Essen im Normalfall nicht einfach so verschwindet. Ich erfahre von Lily, dass das Shaba schon vor längerer Zeit die Fronten gewechselt hat. So verschieden ist das gar nicht! Und wenn ich mir Lily's neue Speisekarte so anschaue, finde ich tatsächlich ein paar Gemeinsamkeiten: Verschiedene Schmorgerichte aus Lamm- und Pouletfleisch sowie Spinat und Okra kommen bei beiden vor. Schliesslich entscheide ich mich für ein leichtes, scharfes Gericht. Alles ist kräftig, aber variantenreich gewürzt. Die Qualität ist gut, der Königin zu Ehren. Die Königin, das ist Lily, wegen ihrer feierlichen Gastfreundschaft.

Äthiopisch nur auf Bestellung

"Du kannst bei mir immer noch äthiopisch essen. Du musst einfach nur im Voraus einen Tisch für mindestens 20 Personen reservieren. Dann kochen wir für dich wie zu Hause!", tröstet Lily meine anfängliche Enttäuschung, welche sich nach dem Verzehr des Thai-Gerichts jedoch verflüchtigt hatte. Ich vermute, dass der Wechsel auf Thai, im ohnehin schon von asiatischem Essen überfluteten Kreis 5, Lily mehr Kunden bringt. Das stimmt mich zwar kurz etwas traurig, weil wir sie durch unsere mangelnde kulinarischen Neugierde, dazu trieben sich der Nachfrage zu fügen. Aber nur kurz, denn ich bin echt zu voll, um traurig zu sein.

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