Am Ende bleibt niemand Jungfrau

Das Kuratorium des Sexfilmfestival "Porny Days" im Riffraff hat seine Filme ganz nach dem Prinzip "Alles, was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten " ausgesucht. Dario, Rona und Talaya verbindet eins: Sie wollen Sex!

Vor allem wollen sie aber neue und alte Erkenntnisse zu Themen der sexuellen Befreiung zeigen. Erotische Phantasien, BDSM, sexuelle Scham, kulturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern, Neoprüderie, Transgender, Geschlechtsaktivismus und die Auswirkungen der Internet-Pornografie auf unsere Sexualität - das um nur mal einige zu nennen. 55 vielfältige Filme aus aller Welt werden in den nächsten zwei Tagen im Kino Riffraff zu diesen Themen gezeigt gezeigt.

Gestern Abend ging es los, zuerst in der Amboss Rampe mit einer heftigen Heftvernissage des Magazin "Stapazin" und Bildern des Ateliers Kreidiger. Kurz vor 21Uhr hiess es dann aber ab ins Kino, schliesslich wollten wir ja endlich nackte Haut sehen.

Twerk it!

Der erste Film war "Sweet Mov(i)e von Jan Ijäs, ein Experimental-Film, ohne Dialog. Drei Minuten lang duften wir sogenannte "Twerking"-Youtubevideos anschauen, in schwarz-weiss, begleitet vom einem Electropop Lied ("You don't have to say you love me, just show how flexibel you are"). Als erstes fiel uns sofort Miley Cyrus ein und wir fanden es ziemlich amüsant. Drei Minuten empfanden wir jedoch definitiv als zu lang, um irgendwelchen Ärschen beim auf- und ab wippen zuzuschauen. Wahrscheinlich hat Ijäs unter anderem genau diese Reaktion auch hervorrufen wollen. Witzig und interessant ist, dass wenn man "Twerks" auf Youtube anschaut nicht unbedingt an Sex denken würde, immerhin nicht sofort. So wie es Ijäs aber kompiliert hat, schon.

Was ist intimer, ein Blick in die Seele oder auf die Genitalen?

Danach stellte uns die Baslerin Jela Hasler ihre Diplomarbeit "Kein Porno" persönlich vor. Die angehende Filmemacherin plante eigentlich einen Film über einen Pornostar zu machen, der aber in letzter Minute absprang. Hasler stand also mit leeren Händen da. Ihre Familie gestand ihr ihre dann, sie sei eigentlich ganz erleichtert, dass Hasler keinen Film über einen Pornodarsteller drehe. Diese Reaktion hatte Hasler nicht erwartet, spürte aber, dass sie genau daraus ihren Dokumentarfilm mit der Kernfrage "Wie intim darf/kann man sein?" machen konnte. Das Resultat ist äusserst gelungen. Hasler zeigt in einer sehr intimen Familiendokumentation die verschiedenen Facetten und Aspekte der Intimität.

Sex in Hong Kong eher verstörend

"Under the Lion Crotch" war der letzte Kurzfilm vor dem Hauptfilm. Der Chinese Wong Ping hat in einem vierminütigem Animationsfilm eine ungewöhnliche Antwort auf die herrschende Zustände im heutigen Hong Kong geben wollen. Es ging wohl um Politik und irgendwie auch um Sex. Begriffen haben wir nichts, aber wirklich rein gar nichts. Nicht einmal die Musik, doch dafür gefiel uns der Name der Band umso mehr: "No One Remains Virgin". Die Animation war ziemlich irritierend, wenn nicht sogar verstörend.

"Everything that rises must converge"

Der Hauptfilm "Everything that rises must converge" ist ein Hybrid aus Dokumentation und Fiktion. Omer Fast folgt vier Erwachsenen, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, wie sie ihren Tag mit ganz ordinären Gewohnheiten zu Hause beginnen. Dargestellt in einem Raster von vier gleichzeitig verlaufenden Erzählsträngen, filmt Fast seine Protagonisten dabei, wie sie in ihren Autos zu Arbeit fahren, in ein unscheinbares Wohnhaus in Südkalifornien. Doch dann wird plötzlich klar: Es handelt sich um vier Pornodarsteller und im vermeintlichen Wohnhaus soll nun sechs Stunden lang gevögelt werden! Zwischen diesen dokumentarischen sehr hautnahen Szenen, begegnen wir auch mehreren fiktiven Charakteren, deren dramatischen Geschichten sich um das gleiche Wohnhaus drehen. Der Film verwebt Szenen des täglichen Lebens mit ästhetischen Momenten, aber auch mit seltsamen und absurden Momenten der scheinbaren Konvergenz.

Fast ist bekannt dafür, Handlungsstränge durch seine besondere Art der Narration zu verwischen. In diesem Film sind es in der Tat echte Pornodarsteller, die uns ihr Leben zeigen. Die Geschichten überschneiden sich und jedes Element konvergiert zu einem bestimmten Zeitpunkt. Dabei hat der Regisseur die Zusammensetzung der multiplen Realitäten bis ins kleinste Detail arrangiert.

In einem Skype-Gespräch mit Valerie Thurner, der Mediensprecherin der Porny Days, erklärt uns Fast die Korrelation von Kunst und Pornografie in "Everything that rises must converge". Er untersuchte und vor allem decodierte den Moment, wenn ein Erlebnis sich in eine subjektive Erinnerung verwandelt, und für ihn damit zum Material für eine ambivalente Geschichte und dann schliesslich zu Kunst wird.

Eine der interessanten fiktiven Charaktere im Film ist der in einer, offener Sex zelebrierenden, Kommune aufgewachsene Pornoregisseur. Der Typ, etwas untersetzt, schmuddelig, schamlos und dem scheinbar jeglicher Idealismus völlig abhanden gekommen ist- sehr klischeebehaftet - erzählt in einem Interview vom Leben in der Kommune, die auch vor Sex mit Kinder nicht Halt machte. Als Fast gefragt wird, ob für ihn Voyeurismus moralisch verwerfbar sei, antwortet er nicht direkt: Die Pornoindustrie ist sehr auf das "männliche Auge" fixiert. Sie exsistiert eigentlich fast nur um den Männerappetit zu befrieden. Für mich was es wichtig einen Film zu drehen in dem dieses "männliche Auge" verschwindet.

Er erzählt auch, dass er für den Dreh grössere und kleinere Pornoproduzenten angefragt hatte. Die grösseren hatten ihm sehr dicke und komplexe Verträge zum unterschreiben geschickt. Er entschied sich also für einen kleineren Produzent mit eher unbekannten Pornodarstellern. Unseren „Frauenaugen“ hätte es aber gut getan, Fast hätte die dicken Verträge doch gelesen und ein paar heissere Pornodarsteller bekommen...

Wirklich geil sind wir nicht geworden, aber das soll schliesslich nicht unbedingt das Ziel sein. Es geht ja auch etwas um Kunst und vor allem um ganz viel philosophischen und soziologischen Fragen. Und eigentlich war das gestern erst das Vorspiel. Zum Höhepunkt kommt es in den nächsten zwei Tagen. Hoffentlich!

KEIN PORNO (NO PORN) - Trailer from Jela Hasler on Vimeo.

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